21.12.2017 08:35

Hier wird Integration erfolgreich ins Rollen gebracht

  • Radfahren ist hierzulande eine Selbstverständlichkeit – doch für viele Frauen mit Fluchterfahrung noch immer etwas Besonderes. Mit Hilfe des Projekts Bike Bridge in Freiburg lernen geflüchtete Frauen erstmals, sich auf einem Fahrrad fortzubewegen. Ein Training, das mehr bedeutet, als unfallfreies Pedaltreten. Für Rabeea aus dem Irak zum Beispiel fühlt sich Radfahren wie Glück an – es schenkt ihr die Freiheit, dem Leben in Deutschland eine eigene Richtung zu geben.

    Die Hertie-Stiftung zeichnete Bike Bridge mit dem Deutschen Integrationspreis 2017 aus.

Wenn Rabeea so wendig um die Kurve rast, würde niemand ahnen, dass die 26-Jährige erst vor wenigen Monaten gelernt hat, Fahrrad zu fahren. Die junge Frau bremst, lächelt – und es scheint, als würde das Glück persönlich auf ihrem Gepäckträger sitzen. „Ich liebe es, Rad zu fahren“, sagt Rabeea, „in meiner Heimat Irak ist es für Frauen verboten, aber hier in Deutschland kann ich mich jetzt schnell und einfach in der Stadt bewegen. Ich kaufe mit dem Rad ein, fahre zu Freundinnen – es bedeutet echte Freiheit für mich.“

Dass Rabeea so mobil unterwegs ist, verdankt sie einem einzigartigen Integrationsprojekt: Bike Bridge aus Freiburg. Die Initiative richtet sich mit Fahrradkursen und Radtouren direkt an Frauen und Mädchen mit Fluchterfahrung, und schafft es dadurch, dass Teilnehmerinnen und Trainerinnen in intensiven Austausch treten, Sprachbarrieren fallen, neue Kontakte entstehen.

Kurz: Hier wird mit dem Rad Integrationsarbeit erfolgreich ins Rollen gebracht. Ein Konzept, das die Jury der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung so überzeugt hat, dass sie Bike Bridge im Oktober 2017 an Platz eins mit dem Deutschen Integrationspreis auszeichnete, verbunden mit einem Preisgeld von 50.000 Euro.

Geübt wird in Tandems – ganz individuell

Die Idee für das Projekt hatte Shahrzad Mohammadi, die 2010 als Studentin aus dem Iran nach Deutschland gekommen ist. „Mir fiel in Flüchtlingsunterkünften auf, dass sich die Sportangebote fast nur an Männer und Kinder richteten, für Frauen gab es nichts – das wollte ich ändern“, sagt die Doktorandin der Sportwissenschaft. Gemeinsam mit Clara Speidel und Lena Pawelke, ebenfalls Sportwissenschaftlerinnen, rief sie Bike Bridge ins Leben: Drei Monate lang lernen die Frauen zwei Mal pro Woche alles rund ums Rad, in Theorie und Praxis – und immer in Tandems, denn jede Teilnehmerin hat ihre persönliche (ehrenamtliche) Trainerin.

„Am Anfang lernen sich alle Kursteilnehmerinnen erst mal ganz spielerisch kennen, um Sprachbarrieren und Berührungsängste abzubauen“, sagt Lena Pawelke, „aufs Rad geht es erst später, dann drehen wir in den Parks der Stadt langsam die ersten Runden.“ Mitunter eine wackelige Angelegenheit, denn wie auch Rabeea müssen vor allem Frauen aus muslimischen Ländern wie Syrien, dem Iran oder Irak häufig erst lernen, sicher auf ein Rad zu steigen. „In ihren Heimatländern ist ihnen das Radfahren aus kulturellen oder politischen Gründen oft nicht erlaubt“, sagt Shahrzad Mohammadi, „in Deutschland können sie es dann kaum abwarten loszufahren.“ Ein neues Lebensgefühl, das nicht nur dem Kopf guttut: „Vor den Radfahrkursen hatten die Frauen nie Sport getrieben, waren körperlich einfach nicht fit“, sagt Shahrzad Mohammadi, „durch die neue Bewegung trainieren sie erstmals ihren Körper – einige der Teilnehmerinnen waren sogar richtig begeistert von ihrem ersten Muskelkater.“

Hat das Rad mal einen Platten? Kein Problem, auch kleine Reparaturen und die Verkehrsregeln werden in den Kursen gelehrt. Sitzen alle Teilnehmer sicher im Sattel, geht es auf gemeinsame Radtour in Freiburg und Umgebung. Gern sind dann auch die Familien der Frauen mit dabei – „häufig mit Ehemännern, die sehr stolz auf ihre radelnden Frauen sind“, berichten die Trainerinnen, „denn auch für sie bedeutet eine mobile Frau mehr Freiheit für die Familie.“ Und gelebte Integration: „Durch die Kurse entstehen langfristige Kontakte zwischen den geflüchteten Familien und den Menschen, die bereits hier leben“, sagt Lena Pawelke, „man trifft sich zu Kinobesuchen, geht zusammen essen oder kocht gemeinsam. Bike Bridge ist eine Bewegung auf Augenhöhe und es ist schön zu beobachten, dass sich die Mädchen und Frauen hier in Deutschland frei entfalten können – und dass sich ihre Familien von Herzen darüber freuen.“ Wie der junge Vater aus Syrien, der auf die beiden kleinen Töchter aufpasst, damit seine Ehefrau in Ruhe das Radfahren lernen kann. So hat Integration Zukunft.

Fahrräder und Helme sind Spenden

Nach einem erfolgreichen Pilotkurs 2016 veranstaltete Bike Bridge 2017 mittlerweile vier kostenlose Kurse für je zehn Teilnehmerinnen, die nun mit neuem Selbstbewusstsein durch Freiburg radeln. Die Fahrräder und Helme sind Spenden, werden den Frauen am Ende des Kurses gegen einen kleinen Geldbetrag überlassen. Ein Erfolg, der zugleich Bestätigung ist – für das einfache wie gut durchdachte Konzept von Bike Bridge, mit dem die drei Gründerinnen überzeugen „Das Interesse an Bike Bridge war zum Glück von Anfang an überwältigend“, berichtet Shahrzad Mohammadi, „wir konnten schnell eine große Öffentlichkeit für unser Projekt begeistern und die Fahrrad-Trainings durch die Spenden finanzieren.“

Anfragen aus ganz Deutschland

Zum 1. Januar 2018 soll aus dem Projekt Bike Bridge nun ein selbständiger eingetragener Verein werden und auch andernorts sind Kurse geplant; los geht es in Stuttgart und Frankfurt. „Unsere Vision ist es, Bike Bridge in ganz Deutschland zu etablieren“, sagt Lena Pawelke. „Mit dem Preisgeld für den Deutschen Integrationspreis der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung können wir nun schon mal den zahlreichen Anfragen nachkommen und unser Konzept weiterverbreiten.“ Frauen wie Rabeea aus dem Irak, die radelnd Freiburg erkundet, freut es: „Bike Bridge hat mir geholfen, in Deutschland eigenständiger zu werden“, sagt sie. „Dass ich jetzt Radfahren kann, macht mich sehr stolz.“

 

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